Was ist Unternehmensforschung?

Das gemeinsame Untersuchungsgebiet aller Wirtschaftswissenschaften ist die Wirtschaft, also dasjenige Gebiet menschlicher Tätigkeiten, das der Bedürfnisbefriediegung dient. Die menschlichen Bedürfnisse sind praktisch unbegrenzt, die zur Bedürfnisbefriedigung geeigneten Mittel (Güter) stehen dagegen nicht in unbeschränkten Mengen zur Verfügung, sondern sind von Natur aus knapp. Diese naturgegebene Knappheit der Güter, d.h. das Spannungsverhältnis zwischen Bedarf und Deckungsmöglichkeit, zwingt die Menschen zu wirtschaften, d.h. bestrebt zu sein, die vorhandenen Mittel so einzusetzen, daß ein möglichst großes Maß an Bedürfnisbefriedigung eingesetzt wird. Die Realisierung dieses Ziels optimaler Bedürfnisbefriedigung setzt Entscheidungsprozesse voraus.

Im täglichen Leben treffen wir in allen nur denkbaren Situationen -- bewußt und unbewußt -- Entscheidungen. Zum Teil treffen wir diese Entscheidungen "aus dem Bauch heraus", teilweise bereitet uns die Entscheidungsfindung große Mühe. An dieser Stelle interessieren uns besonders Entscheidungssituationen, die sich in irgendeiner Art und Weise quantifizieren lassen. Diese Entscheidungssituationen sind vielfältiger als man vielleicht annimmt. Wenn wir eine Urlaubsfahrt planen, wobei verschiedenen Fahrtrouten zur Auswahl stehen, so müssen wir uns für eine der Routen entscheiden, je nachdem, ob wir möglichst schnell ans Ziel kommen wollen oder vielleicht unterwegs möglichst viele Sehenswürdigkeiten ansteuern wollen. In der Weihnachtszeit müssen wir in der Regel Geschenke verpacken. Uns steht eine große Rolle Weihnachtspapier einer bestimmten Breite zur Verfügung und wir wollen die Geschenke so einpacken, daß wir möglichst wenig Weihnachtspapier benötigen. Alle diese Situationen zeichnen sich dadurch aus, daß sie quantifizierbar sind und daß wir eine bestimmte (quantifizierbare) Vorstellung über unsere Ziele bei der Entscheidungsfindung haben. Diese Eigenschaften erlauben es, eine Entscheidungssituation bzw. eine Problemstellung auf dem Wege der Abstraktion in ein mathematisches Modell -- d.h. ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit -- zu übersetzen, das mit Hilfe mathematischer Methode gelöst werden kann. Diese Arbeit macht man sich wahrscheinlich nicht wegen einer Rolle Geschenkpapier für 2 Euro, aber manche Situationen sind von viel größerer Tragweite. Wenn z.B. Unternehmen wichtige Entscheidungen treffen, dann geht es u.U. um Millionen oder Milliarden von Euro, die auf dem Spiel stehen.

Wenn man eine Abkürzung kennt, dann ist man mit einem Kleinwagen schneller am Ziel als mit einem Ferrari. Ähnlich verhält es sich mit vielen Vorgängen in Unternehmen. Ein klein wenig Mathematik kann manchmal Wunder wirken. Dafür ist die Unternehmensforschung zuständig.

Der Begriff "Unternehmensforschung" hat sich als Übersetzung von "Operations Research" eingebürgert. Er drückt jedoch das Wesen des OR nicht klar aus und wurde daher oft kritisiert. Die erste Begriffshälfte "Unternehmens" bezieht sich nicht auf das Unternehmen als Institution, sondern ist im Sinne von Operation, Aktion usw. zu verstehen. Der Begriff des Operations Research läßt sich auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs zurückführen, als die britische Regierung Mathematikern und anderen Wissenschaftlern auftrug, Probleme wie die optimale Positionierung von Radaranlagen sowie ganz allgemein logistische Probleme militärischer Operationen unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu durchleuchten und Verfahren zur (möglichst) optimalen Lösung dieser Probleme zu entwickeln.

Unternehmensforschung soll als modell­gestützte Planung verstanden werden. Dabei spielen die Begriffe "Planung" und "Modell" die entscheidende Rolle. Planung bedeutet die gedankliche Vorwegnahme zukünftiger Handlungen. Insbesondere sind Entscheidungsalternativen zu durchdenken, deren Auswirkungen zu bestimmen und die Einflüsse der verschiedenen möglichen Umweltentwicklungen zu analysieren. Schließlich sind die Entscheidungsalternativen hinsichtlich der Zielsetzung bzw. der verschiedenen Zielsetzungen des Entscheidungsträgers zu bewerten. Diese Vorgehensweise ist ebenfalls typisch für zahlreiche herkömmliche Methoden der Planung. Im Gegensatz zu diesen verwendet Operations Research jedoch grundsätzlich mathematische Modelle. Ein Modell ist eine durch Abstraktion gewonnene, in der Regel vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit. Beschreibt das Modell die wesentlichen Zusammenhänge zwischen Entscheidungsvariablen, sonstigen Einflußvariablen und Zielgrößen der Wirklichkeit in adäquater Weise, so können die Auswirkungen alternativer Entscheidungen am Modell untersucht werden.

Diese modellanalytische Vorgehensweise ist das wesentliche Merkmal der Unternehmensforschung. Sie ist unumgänglich, wenn die Zahl der zu untersuchenden Alternativen groß ist oder wenn die Abhängigkeiten zwischen Entscheidungsalternativen, sonstigen Einflußvariablen und Zielgrößen zu komplex und für den Planer nicht durchschaubar sind.

Voraussetzung für die Modellanalyse ist die Quantifzierbarkeit der betrachteten Entscheidungsprobleme. Dabei sind Aussagen der Art "bei steigender Losgröße sinken die Produktionskosten pro Stück und steigen die durchschnittlichen Lagerkosten pro Stück" nicht ausreichend. Es müssen vielmehr zahlenmäßige Aussagen über die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Variablen und Zielgrößen gemacht werden. Die Problemquantifizierung gilt daher als weiteres Merkmal der Unternehmensforschung.

In der Regel wird man versuchen, aus allen möglichen Entscheidungsalternativen des Modells mit Hilfe eines geeigneten Algorithmus eine oder mehrere Alternativen zu bestimmen, die im Sinne der Zielsetzung optimal sind. Diese Suche nach einer optimalen Lösung wird häufig als ein drittes Merkmal der Unternehmensforschung genannt.

Grundsätzlich gilt, daß mit den Modellen und Methoden der Unternehmensforschung keine Entscheidungen getroffen werden, sondern Entscheidungen lediglich vorbereitet werden. Das Modell ist ein Informationssystem, welches aus aktuellen Daten (Input) entscheidungsrelevante Information (Output) gewinnt und für den Entscheidungsträger bereitstellt. Damit werden die quantifizierbaren Auswirkungen der alternativen Entscheidungen überschaubar gemacht und Erkenntnisse gewonnen, aber die Entscheidung nicht vorweggenommen. Die im Realsystem zu treffende Entscheidung muß mit der für das Modell optimalen Entscheidung nicht übereinstimmen. Gründe sind u.a.:

  • Die Modellösung ist im Realsystem nicht zulässig, weil noch weitere, im Modell nicht berücksichtigte Restriktionen gelten,
  • Die Modellösung ist im Realsystem nicht implementierbar, weil sie zu Unruhe oder Demotivation der Beteiligten führt,
  • Es müssen noch zusätzliche, insbesondere nicht quantifizierbare Zielkriterien berücksichtigt werden.

Das bedeutet keinesfalls, daß die Modellösung wertlos ist. Sie erleichtert vielmehr die Suche nach implementierbaren Lösungen und liefert die wichtige Information, welcher Verlust im Sinne der Zielkriterien für jede Lösung in Kauf genommen werden muß. Das Modell macht den quantifizierbaren Teil des Entscheidungsproblems transparent und gestattet dem Entscheidungsträger, sich auf den nicht quantifizierbaren Teil zu konzentrieren.

 

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