Berufsfelder des Wirtschaftsingenieurs

Unternehmen in marktwirtschaftlichen Ordnungen stehen aufgrund ständig steigender Kundenanforderungen in zunehmender internationaler Konkurrenz vor einem sich verstärkenden Anpassungsdruck. Das hat zu einer Entwicklung geführt, die durch eine verstärkte Zunahme von hochgradig arbeitsteiligen Prozessen und eine zunehmende Spezialisierung von Arbeitskräften charakterisiert ist. Dies gilt in besonderem Maße für den Bereich der Industrie. Die Entwicklung zwingt dazu, aufbau- und ablauforganisatorische Strukturen im Hinblick auf ingenieurmäßige und ökonomische Aspekte immer wieder neu zu überdenken und bestehende Strukturen zu verbessern oder nicht verbesserungsfähige Strukturen durch effizientere zu ersetzen. Die Bandbreite derartiger Problemfelder reicht beispielsweise von der Einführung einer neuen Fertigungstechnologie über den grundsätzlichen Umbau der Aufbauorganisation bis hin zum Einsatz neuerer Methoden der Kostenrechnung. Tatsächlich sind im Rahmen der Umgestaltung der Unternehmen in den letzten Jahren nicht nur Hierarchieebenen der Aufbauorganisation drastisch reduziert, sondern auch völlig neue Organisationsformen entwickelt worden.

Angesichts dieses Strukturwandels stehen sowohl die Führungskräfte als auch der Führungskräftenachwuchs vor der Herausforderung, in komplexen Systemen zu denken, bereichsübergreifend Prozesse zu verstehen und die entsprechenden Führungsaufgaben wahrzunehmen. Dabei ist nicht zu übersehen, daß die Lösung dieser Aufgaben und Probleme an den Schnittstellen zwischen Technik und Wirtschaft immer komplizierter wird.

Die weitgehende Spezialisierung des Produktionsfaktors "Menschliche Arbeitskraft" hat zur Konsequenz, daß es zunehmend an Verständnis und Fachkompetenz bei der Bewältigung komplexer Vorgänge fehlt, die eine Integration der Denkweise und Fachsprache sowohl technischer wie kaufmännischer Kategorien voraussetzen. Es ist das erklärte Ziel des Wirtschaftsingenieurs, die Lücke zu schließen. Seine breit gefächerte und annähernd gleichgewichtige Ausbildung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften einerseits und den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften andererseits befähigt ihn, auftretende ökonomische, technische und gesellschaftlich relevante Probleme isoliert sowie in ihrer wechselseitigen Vernetzung zu erkennen und zu deren Lösung beizutragen. So eignen sich die Absolventen eines Wirtschaftsingenieurstudiums in besonderer Weise aufgrund ihrer Ausbildung für Bewältigung derartiger interdisziplinärer und ressortübergreifender Aufgaben an der Nahtstelle zwischen Technik und Betriebswirtschaft (vgl. BAUMGARTEN, H. und FEILHAUER, K.: Berufsbild des Wirtschaftingenieurs. Herausgeber: Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure e.V. (VWI), Berlin 1995, S. 1, sowie BAUMGARTEN, H. und WIEGAND, A.: Begehrte Spezialisten. Wirtschaftsingenieure haben einen guten Arbeitsmarkt, UNI-Magazin 5/96, 20. Jahrgang, S. 10 - 14). Diese Ausbildung soll ferner die Bereitschaft entwickeln, Aufgaben und Verantwortung in Staat und Gesellschaft zu übernehmen. Auch bietet sie vielfach Ansatzpunkte für die spätere Gründung einer selbständigen Existenz, beispielsweise als Planungsingenieur, Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater oder Unternehmer eines Produktionsbetriebes.

Kennzeichnend für die interdisziplinäre Ausbildung von Wirtschaftsingenieuren ist die Tatsache, daß ihre Berufs- und Tätigkeitsfelder sehr vielfältig und weit gestreut sind. Wenngleich im Studium die Weichen für ein weit umrissenes Tätigkeitsfeld durch die Wahl von Vertiefungsfächern und die Durchführung von Industriepraktika gestellt werden, so bedeutet das nicht, daß diese Ausbildung die Wirtschaftsingenieure ausnahmslos in bestimmte Wirtschaftszweige und Funktionen führt.

Analysiert man die späteren Einsatzbereiche der Absolventen von wissenschaftlichen Hochschulen und Fachhochschulen, so läßt sich generell feststellen, daß Absolventen der Fachhochschulen eher für Führungstätigkeiten mit hohem operativen Anteil, Absolventen der wissenschaftlichen Hochschulen eher für Führungstätigkeiten mit hohem dispositiven Anteil befähigt sind. Einsatzebene im Rahmen der hierarchisch strukturierten Aufbauorganisation sind das mittlere und obere Management (BAUMGARTEN/FEILHAUER, S. 39).

Eine Zuordnung der Stelleninhaber zu verschiedenen Hierarchiestufen im Rahmen der Aufbauorganisation ergibt, daß etwa ein Drittel der Wirtschaftsingenieure eine Stellung in den oberen Hierachiestufen vom Hauptabteilungsleiter bis zum Vorstand bekleidet, während zwei Drittel in verantwortlichen Positionen des Mittelmanagements tätig sind. Dabei sind Linien- und Stabsstellen nahezu gleichrangig vertreten. Unberücksichtigt bleibt dabei, daß besonders in Kleinbetrieben oft verschiedene Funktionen nur von einer Person wahrgenommen werden.

Das breit angelegte Studium des Wirtschaftsingenieurwesens hat zur positiven Konsequenz, daß es das spätere Berufsfeld weder branchen- noch stellenbezogen übermäßig einschränkt. Das führt zu einer relativ weiten Streuung der Wirtschaftsingenieure auf dem Arbeitsmarkt. Wirtschaftsingenieure sind daher in nahezu allen Wirtschaftszweigen und Branchen vertreten. Die Mehrheit der Wirtschaftsingenieure ist im produzierenden Gewerbe tätig, wobei nahezu 20 % der Eisen-, Metall- oder Maschinenbauindustrie angehören. Von herausragender Bedeutung ist der Bereich des Consulting. Insgesamt sind Wirtschaftsingenieure in mehr als 25 verschiedenen Branchen tätig. Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, daß sich dem Wirtschaftsingenieur das größte und wohl auch vielfältigste Berufsfeld in der Industrie bietet, da hier gleichermaßen technisches und wirtschaftliches Denken bei sämtlichen Vorgängen der Beschaffung, Herstellung, Lagerung und des Absatzes von Gütern verlangt wird.

Die Vielfalt technisch-ökonomischer Problemstellungen, die das klassische Einsatzgebiet des Wirtschaftsingenieurs bilden, läßt eine vollständige Aufzählung der Aufgabengebiete und Tätigkeitsbereiche nicht zu. Im folgenden können daher nur beispielhaft einige dieser Schwerpunkte aufgeführt werden:

  • Organisation: Entwicklung von Organisationsformen; Betreuung von Projekten zur Organisationsentwicklung; Vorbereitung und Mitarbeit an unternehmensübergreifenden Projekten (Akquisitionen, Standortanalysen); Erarbeitung von Steuerungs- und Führungssystemen für die Tochtergesellschaften; Entwurf von Systemen für die operative und strategische Planung; Erarbeitung von Organisations- und Planungskonzeptionen für Teilbereiche des Unternehmens;
  • Logistik/Materialwirtschaft/Einkauf: Entwicklung von Logistik-Konzeptionen für Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen; Entwicklung von Planungs-, Steuerungs-, Informations- und Kontrollsystemen in der Logistik; Planung und Realisierung von Beschaffungsprogrammen (Bedarfsmenge, Bestellrhythmus, Preispolitik); Erarbeitung von Systemen zur Ver-/Entsorgung der Produktion und zur Steuerung des Material- und Informationsflusses in Fertigung und Montage; Auswahl und Gestaltung der materialflußtechnischen Einrichtungen; Verfahren, Aufbau und Management der betrieblichen Beschaffung und Distribution;
  • Fertigung/Produktion: Aufstellung marktgerechter Programme nach Produktarten und -mengen; Ermittlung kostenoptimaler Fertigungsprogramme unter Berücksichtigung des ökonomischen Einsatzes der Produktionsfaktoren; Entwicklung von quantitativen Modellen und Methoden für einen zuverlässigen und wirtschaftlichen Fertigungsablauf; Aufbereitung und Auswertung der Fertigungsdaten zu Kontrollzwecken (Qualitätskontrolle, Ausschußquoten);
  • Marketing/Vertrieb: Durchführung von Marktanalysen (Marktwachstum, Wettbewerb, Käuferverhalten); Überprüfung und Anpassung von Marketingstrategien; Entwicklung und Realisierung bedarfsorientierter Marktprogramme (Produkt- und Sortimentgestaltung, Distribution und Kommunikation);
  • Rechnungswesen/Controlling: Entwurf von Controlling-Systemen; Planung und Kontrolle von Investitionsentscheidungen (Investitionsrechnungen); Analyse von Kostenstrukturen und -verrechnungen (Betriebsabrechnung und Kalkulation); Prüfung von Projekten auf Wirtschaftlichkeit;
  • Datenverarbeitung: Auswahl und Einführung von Datenverarbeitungssystemen im kaufmännischen Bereich und in der Verwaltung (Management-Informations-Systeme); Entwicklung und Auswahl komplexer Steuerungssysteme für technische Verfahrensabläufe (Hardware und Software); Erarbeitung von Konzeptionen zum Datenschutz.
  • Sonstige Tätigkeitsbereiche: Energiewirtschaft (Optimierung der Rohstoffgewinnung, -verarbeitung und -verteilung); Arbeitswissenschaft (Gestaltung und Bewertung der menschlichen Arbeit sowie Erarbeitung von Maßnahmen und Vorschriften zur Unfallverhütung und zum Arbeitsschutz); Unternehmensforschung (Bestimmung von Optima in komplexen Problemsituationen); Revision- und Treuhandwesen (Beratung und Überprüfung der Finanz- und Betriebsbuchhaltung); Umweltschutz (Überwachung innerbetrieblicher und gesetzlicher Vorschriften, sowie Entwicklung von Strategien zum Umweltschutz); Aus- und Weiterbildung (Auswahl, Gestaltung und Realisierung von Schulungs- und Bildungsprogrammen).

Neue Berufsfelder entwickeln sich insbesondere aus dem zunehmenden Abbau bestehender Hierarchien in Unternehmen.

Die Entwicklung der Studentenzahlen und die Gegenüberstellung von Studienbewerbern und Studienplätzen sind zwei Fakten, die bei aller gebotenen Vorsicht dem Wirtschaftsingenieurwesen eine zunehmende Bedeutung und eine zukunftssichere Position zumessen. Nach Kontaktgesprächen mit der Niedersächsischen Wirtschaft ist anzumerken, daß sich für die Wirtschaftsingenieure neue Berufsfelder eröffnen. Die durch das allgemeine Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, durch die Europäisierung und die Orientierung der Produktion zu ökologisch ökonomischen Prozeßen (z.B. Kreislaufwirtschaft) bedingt werden. Folgende Berufsfelder sind beispielhaft in die Überlegungen einbezogen: - Dienstleistungen über den Produktlebenszyklus - Kreislaufwirtschaft - Systemmanagement im europäischen Rahmen.

 

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